Der Bieter im Zwangsversteigerungsverfahren

Essay zur Beunruhigung

Wie kann es sein, dass sich in der heutigen Zeit immer noch bevorzugt Männer nahezu genauso wie damals, als wir noch raubten und plünderten, brandschatzten und töteten, um unseren heimischen Clan ökonomisch abzusichern, sich als sogenannte Bieter in einem Zwangsversteigerungsverfahren zur Verfügung stellen, so dass auch hier meist einem anderen Mann, der Vorstand eines „unterlegenen“ Clans ist, unter Mithilfe des Staates Bundesrepublik Deutschland sein bisheriges Eigenheim gewaltsam entrissen wird und der erfolgreiche Bieter es selbst in Besitz nimmt?!

Eine erste Antwort auf diese Frage ist recht schnell gefunden. Es wird in den Medien und auch von den Banken direkt geworben für dieses Vorgehen. Es wird so sehr geworben dafür, dass der gemeine „Clan-Vorstand“ sich auch wirklich keine Sorgen zu machen braucht, wenn er diese Vorgehensweise anwendet. Es wird getitelt mit Schlagwörtern wie: „Günstig zum Traumhaus“, „Haus zum Schnäppchenpreis“, „Immobilien-Schnäppchen“, „Traumhaus vom Amtsgericht“, „Zwangsversteigerung, der clevere Weg zum Haus“, „Schnäppchenjagd für Abenteurer“ usw.

Der ehemalige „Clan-Vorstand“, der das begehrte Territorium noch immer hält, ist derjenige, der halt geschwächt ist, weil er krank geworden ist, geschieden ist (d. h. gar keinen Clan mehr hat), sich seiner Arbeit hat berauben lassen (Arbeitslosigkeit) oder sich gar sowieso seiner Rolle als Chef eines Clans für unwürdig erwiesen hat, da er sich mit der Finanzierung einfach von vornherein übernommen hat, vielleicht ja sogar in betrügerischer Absicht! Wie in grauer Vorzeit, als man fremde Territorien eroberte und den Familien gewaltsam ihr Zuhause stahl, hat man auch heute eine Begründung für dieses Vorgehen. Früher hatte der ehemalige Hausbesitzer den falschen Glauben, die falsche Lebensweise (z. B. die „Barbaren“) oder er schuldete vielleicht auch seinem Lehnsherren Geld (wahrscheinlich hat sich er sich wohl einfach unkluger Weise mit seiner Finanzierung verschätzt!). Der andere ist in jedem Fall der Schwächere, der neue Eroberer der Starke.

Selten genug kann ein Mann in der heutigen Zeit seine typisch archaischen Verhaltensweisen ungestraft ausleben. Heute kann keiner mehr so offensichtlich mit einer Keule losgehen, um ein neues Revier für seine Sippe zu erobern, auch wenn die Männer diese archetypische Aggressivität immer noch in sich haben. Heute wird man z.B. in der Schule sofort von den Lehrern zurechtgewiesen, wenn man beim Kämpfen und Prügeln erwischt wird. Diese Form Aggressivität auszuleben ist nicht mehr gesellschaftlich akzeptiert.

Seine eigenen Gene zu „verwurzeln“ und nicht die des anderen, ist nach wie vor ein auch dem Menschen innewohnendes Trachten. „In der Bindung an die Familie als Hausgemeinschaft, an ihr Fortdauern in der Zeit, das er garantieren soll und das er voraussetzt, ist der Erwerb des Hauses demnach sowohl eine ökonomische Investition (im Gegensatz zum Mietverhältnis) oder wenigstens eine Form von Schatzbildung, als auch Element eines dauerhaften und übertragbaren Besitzstands, als auch eine soziale Investition, insofern er eine Wette auf die Zukunft oder, genauer gesagt, ein biologisches und soziales Reproduktionsprojekt einschließt.“ (Bourdieu u. a., Der Einzige und sein Eigenheim, S. 52)

Im krassen Gegensatz zu dem oben beschriebenen aggressiven Eroberungsverhalten gab es vor allem in der Vergangenheit auch immer Zeiten und Orte, in denen Menschengruppen friedlich nebeneinander koexistierten mit ihren Häusern und Grundstücken und sich innerhalb eines Dorfes, einer größeren Lebensgemeinschaft von mehreren Familien, selbstverständlich gegenseitig halfen beim Hausbau, sobald sich wieder einmal ein Paar neu vermählt hatte und das „Nest für seine Nachkommen“ bauen wollte, also ein neuer „Clan“ gegründet werden sollte. Es fand hier ein Austausch auf Ehre zwischen Ehrenmännern und ein ökonomischer Austausch untereinander auf „Treu und Glauben“ statt. Dieses Modell funktioniert genau so lange gut, wie es die Prinzipien von Kosten-Nutzen-Rechnungen, das Verleihen von Geld gegen Zinsen, das Sparen und Entleihen, das Zurücklegen von Geld, das Anlegen von Geld und das Verkaufen von Arbeit gegen Geld (noch) nicht gibt. Innerhalb eines solchen Modells werden Häuser miteinander gebaut im wahrsten Sinne des Wortes, Stein auf Stein und Holz auf Holz mit den innerhalb der Dorfgemeinschaft vorhandenen Handwerkern und alle Dorfmitglieder sind mit diesem Modell zufrieden. Sofern die Ernährungsgrundlage für alle Dorfmitglieder gesichert ist, wird das Dorf nicht daran denken, neue Territorien zu suchen und nötigenfalls gewaltsam zu annektieren.

Innerhalb dieses Urmodells des menschlichen Zusammenlebens werden Häuser für den zu gründenden eigenen Clan überhaupt gar nicht gekauft, sondern bei Bedarf innerhalb der Dorfgemeinschaft mit traditionellen Techniken und Materialien gebaut. Bereits bestehende Häuser werden vererbt. Den biologischen Bedürfnissen der Dorfbewohner wird durch diese Vorgehensweise in jeder Hinsicht Rechnung getragen.

Sobald aber das „Ökonomieprinzip“ Schritt für Schritt zum allein selig machenden Prinzip erhoben wurde und schließlich heute über alle anderen Systeme von mitmenschlichen Verflechtungen herrscht und sich mit dem „Anschein einer natürlichen und universellen Selbstverständlichkeit“ (Bordieu, s. o., S. 25) umgibt, werden die allermeisten Häuser nicht mehr in Gemeinschaften durch ökonomischen Austausch untereinander gebaut, sondern als Fertigprodukte gekauft (!) auf der Grundlage von mehr oder weniger „großzügigen“ Krediten von Banken. „Hinter der Operation, das Haus zu verkaufen, steckt in Wirklichkeit die Operation des Kreditverkaufs“. (Bordieu, s. o., S. 76)

Um den meist jungen „Clan-Gründer“ und dessen Frau jedoch hinters Licht zu führen, werden die beiden mit ihren eigentlichen in ihnen wohnenden Grundbedürfnissen angelockt: Geeignet hierfür sind dann z. B. Schlagzeilen wie: „Ein Haus zum Verlieben“, „Häuser in Maurerqualität“, „Riesenauswahl an Häusern“, „Häuser massiv und sicher gebaut“, „Massivhäuser zu günstigen Preisen“, „schlüsselfertig zum Festpreis“, „Blockhäuser für modernen und traditionellen Geschmack“, „attraktive Häuser“ etc. In dieser Werbung wird zunächst verschleiert, dass es den Verkäufern in erster Linie allein um den Verkauf eines Darlehens, nicht um die Beschaffung eines dauerhaften Lebensmittelpunktes für eine Familie geht.

Begonnen hat diese Idee vom „Häusermarkt“ im 19. Jahrhundert, als man die politisch aufbegehrende Arbeiterklasse, die ja bereits gezwungen war, ihre Arbeitskraft gegen Geld aufzuwiegen und somit die Urform des friedlichen Zusammenlebens innerhalb einer Dorfgemeinschaft bereits hinter sich gelassen hatte, wiederholt als „Massen ohne Heim und Herd“ bezeichnete und sie aufgrund dieses nun festgestellten Mankos zu Eigentümern von auch noch so kleinen Häuschen mit Garten machen wollte, um die Kleinfamilie „nach innen zusammenzuschweißen, nach außen jedoch zu isolieren“ und so auch sozial unempfindsam werden zu lassen. Die damit erreichte „Domestizierung der Wünsche und Vorhaben“, die „fortan nicht mehr über die Türschwelle hinausreichen“ sollten, <…> und damit im Gegensatz stehen zu den kollektiven Projekten etwa des politischen Kampfes“ (Bordieu, s. o., S. 45), hatten demnach ganz und gar nicht das Ziel, die Familien vorrangig mit einem wunderschönen „Haus zum Verlieben“ und einem erfüllten Leben zu beglücken. Für die Familienväter sollte es zur „moralischen Pflicht“ werden, der Familie ein vererbbares Eigenheim zu schaffen, die Familie, die sogenannte „Keimzelle der Gesellschaft“ sollte sich fortan tagein, tagaus auf den Erwerb und den Erhalt des Eigenheims konzentrieren, alle psychischen, sozialen und finanziellen Opfer mit eingeschlossen (Bordieu, s.o., S. 15 – 17). Die „Masse“ sollte keine Zeit und Energie mehr haben, sich politisch „zusammenzurotten“ und Aufstände zu organisieren oder eigene Ideen zu haben und diese vielleicht auch noch umsetzen zu wollen.

Diesem Ziel diente nun die Idee vom „kreditfinanzierten Haus“. Um den Plan umzusetzen, bediente man sich selbstverständlich nicht allein der Manipulation durch alle möglichen Werbemaßnahmen und schon gar nicht der alleinigen Regulation der sogenannten „freien Marktwirtschaft“, sondern ganz besonders und ganz gezielt auch politischer Maßnahmen im Sinne von Verordnungen, Prämien, Zuschüssen etc., um das Gewollte auch wirklich sicher flächendeckend in die Tat umzusetzen.

Regelmäßig werden seither die Clan-Chefs unserer Nation zu geknechteten „Darlehensnehmern“. Hinter dem sogenannten „Traum vom Eigenheim“ (die Werbung quillt fast über von dieser Phrase) verbirgt sich eine derart große Sehnsucht, dass die meisten Kredit-Bittsteller nun von sich aus zu jeglicher Überschuldung und Selbstüberforderung bereit sind, nur um diesen „Traum“, der auf der einen Seite die Sehnsucht nach dem Urmodell, dem innerhalb einer Dorfgemeinschaft gemeinsam gemauerten Haus für die eigene biologische und soziale Reproduktion und somit für ein erfülltes Leben beinhaltet und gleichzeitig aber auch das unbefriedigte Bedürfnis nach Anerkennung als wirklich echter und würdiger Clan-Chef, der eben geschafft hat, was ein Mann schaffen muss: „Ein Haus, ein Sohn, ein Baum….“, endlich zu erfüllen scheint.

In Wirklichkeit aber sind sie alle zu Marionetten der Werbung, der Politik und der Banken geworden. Derjenige, der seinen Kreditvertrag gerade neu abgeschlossen hat, derjenige, der um den Erhalt seines Häuschens innerhalb der „in-wändigen“ Gesamtsituation kämpft, derjenige, dem der Kreditvertrag von der Bank aufgekündigt wird und der noch weiter kämpft oder auch vielleicht aufgibt, derjenige der sich für den Abschluss eines neuen Darlehensvertrages interessiert und derjenige, der seine Wünsche gleich von vornherein nicht an die Angebote des sogenannten Marktes anpassen möchte, sondern ganz besonders hoch pokert und sein Jagdstreben auf die „Schnäppchen vom Amtsgericht“ ausrichtet.

Im letzteren Fall nun kommt es zu einer ganz speziellen Situation, in der die „Masse ohne Heim und Herd“ auf einen Teil der „Masse mit Heim und Herd“ gehetzt wird, um ihr das unter so vielen Aufopferungen gehegte und gepflegte Eigenheim mit der Hilfe staatlichen Zwangs wieder zu entreißen, so dass die Banken nicht nur dreifach an einem Haus- und Kreditverkauf verdienen (Hochrechnung für 10 % Zins in dreißig Jahren), sondern zusätzlich noch immer wieder neue Kreditverträge für ein und dasselbe Objekt abschließen können. Die scheinbaren Akteure (Schuldner, Eigentümer, Bieter etc.) lassen sich nur benutzen, um dieses perfide Spiel aufrecht zu erhalten. Den gesamt vorhandenen Eigenheimfundus fortwährend im Spiel zu halten, ist einzig das Bestreben derer, die an diesem Geschäftsmodell verdienen.

Ohne diesen ganz speziellen Clan-Chef, den Bieter, der nun die „Schnäppchenjagd für Abenteurer“ für sich als geeignetes Modell auswählt, um seine eigene persönliche Mangelsituation zu kompensieren, wäre das Modell Zwangsversteigerung gar nicht möglich. Nur dadurch, dass sich (meist) Männer als „Schnäppchenjäger“ anheuern lassen, kann dieses Modell überhaupt bestehen. Ein Modell, dass dem Urmodell erfolgreichen menschlichen Zusammenlebens in einer Win-Win Situation genau entgegengesetzt ist und einst einzig mit dem Ziel geschaffen wurde, die Sozialisation der Menschen im gemeinsamen Protest gegen bestehende unmenschliche Verhältnisse zu verhindern. Diejenigen, die an diesem Modell verdienen, sind gewiss nicht die miteinander konkurrierenden und aufeinander gehetzten „Clan-Chefs“, die alle miteinander schon lange gar keine Chefs mehr sind. Der Gewinner ist auch nicht der Bieter, wenn er letztlich zum Meistbietenden erkoren worden und ein neugeschaffener Kreditnehmer geworden ist. Die Gewinner sind vor allem die Banken und alle sonstigen Darlehensgeber. Die Politik ist der Vasall für dieses System mit Hilfe diverser Verordnungen und bewusster Eigenheimförderung und gezieltem Abbau des sozialen Wohnungsmarktes.

Nun stehen wir – seien wir Versteigerungsopfer oder Bieter – vor der Frage, wie wir mit diesen Erkenntnissen umgehen wollen. Wollen wir weiterhin die Spielfiguren in diesem menschenunwürdigen Spiel bleiben und es so am Leben erhalten? Wollen wir die sich immer wieder vollziehende Verwandlung des Bieters zum neuen Schuldner und damit zum zukünftigen Vollstreckungsziel aufrecht erhalten? Oder wollen wir lieber miteinander „neue Dörfer“ bauen, bis die notwendige kritische Masse für eine Systemveränderung herangewachsen ist? „Stell dir vor, es ist Krieg – und keiner geht hin!“, war ein geflügeltes Wort in den 60ern, eine Inspiration, ein Impuls im Geiste von Woodstock und Wehrdienstverweigerung. Auch der Prager Frühling war ein Impuls, der eine solche kritische Masse repräsentiert hat, die zwingend zur Veränderung führte. Hier ist wirklich die Kreativität und Offenheit aller Beteiligten gefragt, um neue Wege des Zusammenlebens zu finden und umzusetzen.

Dieser Aufsatz will ein erster Schritt zur Information vor allem für ahnungslose Bieter sein. Jegliche Art von Weiterverbreitung mit Quellenangabe sowie Feedbacks von ehemaligen und auch werdenden Bietern sind ausdrücklich erwünscht.

Andechs, 06. September 2012

Cornelia Böhmer
BZVI e. V., 1. Vorsitzende

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