{"id":157,"date":"2009-06-04T21:04:03","date_gmt":"2009-06-04T20:04:03","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.bzvi.de\/?p=157"},"modified":"2013-12-24T21:05:28","modified_gmt":"2013-12-24T20:05:28","slug":"auf-der-suche-nach-hilfe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.bzvi.de\/?p=157","title":{"rendered":"Auf der Suche nach Hilfe"},"content":{"rendered":"<div>\n<p>Auf der Suche nach Hilfe in einer wie auch immer gearteten Situation, die wir dringend zu ver\u00e4ndern w\u00fcnschen, machen wir uns auf die Suche nach Helfern, nach einer Hilfe von au\u00dfen. Hilfsbed\u00fcrftig und ratlos sind wir allein deshalb, weil wir uns auf einem f\u00fcr uns unbekannten Territorium befinden, in einem Fachgebiet, mit dem wir uns bislang nie besch\u00e4ftigt haben.<\/p>\n<p>Aus dieser Position heraus, ohne eigene Erkenntnisse und Erfahrungen die unmittelbar vor uns stehende Herausforderung betreffend, machen wir uns auf die Suche nach eben diesem Helfer oder einer Helfergruppe und m\u00fcssen zumindest dar\u00fcber eine Entscheidung treffen, wem wir nun unser Vertrauen schenken wollen und wem nicht. Auch m\u00fcssen wir nach dem Prinzip von \u201eGeben und Nehmen\u201c eine Entscheidung hinsichtlich einer Gegenleistung f\u00fcr die zu erwartende Hilfeleistung, die wir nun aus unserer Unkenntnis heraus bewerten sollen, treffen.<\/p>\n<p>Also machen wir uns auf den Weg und h\u00f6ren uns die Selbstdarstellungen der unterschiedlichen Helfer, die zum anstehenden Thema ihre Dienste anbieten, an. Wir haben dabei gro\u00dfe Angst eine falsche Entscheidung zu treffen, denn schlie\u00dflich befinden wir uns in einer bedrohlichen Situation, f\u00fcr die wir einzig einen positiven Ausgang w\u00fcnschen. Doch k\u00f6nnen wir wiederum die Selbstdarstellungen der sich anpreisenden Helfer nicht bewerten, da uns ja die Fachkenntnis auf dem Gebiet, in dem wir Hilfe suchen, fehlt.<\/p>\n<p>Was machen wir in solch einer Situation?<\/p>\n<p>Meist trauen wir es uns nicht zu, selbst die n\u00f6tige Fachkenntnis zu erwerben. Wir verlassen uns\u00a0 stattdessen auf unser Gef\u00fchl, auf unsere Empfindung.<\/p>\n<p>Bereits Vertrautes l\u00f6st nun generell bei jedem Menschen angenehme Empfindungen aus, Unvertrautes wirkt eher Angst ausl\u00f6send. Bei der Vielzahl an Informationen, die bei unseren suchenden Gespr\u00e4chen mit eventuellen Helfern auf uns hereinstr\u00f6men, suchen wir also tastend nach Empfindungen, die uns ein Gef\u00fchl von Sicherheit vermitteln.<\/p>\n<p>Erich Fromm formulierte hierzu in seinem Aufsatz \u201eDrei Filter \u2013 Sprache, Logik, Gesellschaft\u201c:<br \/>\n<em>\u201e\u2026 die Empfindung kann nur unter der Bedingung bewu\u00dft werden, da\u00df sie wahrgenommen, mit einem Begriffssystem und seinen Kategorien in Beziehung gesetzt und darin eingeordnet werden kann. Dieses System selbst ist das Ergebnis der gesellschaftlichen Entwicklung. Jede Gesellschaft bildet durch ihre Lebensweise und die Art ihres Bezogenseins, F\u00fchlens und Wahrnehmens ein System von Kategorien, das die Formen des Bewu\u00dftseins bestimmt. Dieses System arbeitet sozusagen wie ein gesellschaftlich bedingter Filter. Eine Empfindung kann nur dann ins Bewu\u00dftsein eindringen, wenn sie diesen Filter passiert.\u201c<\/em><\/p>\n<p>D. h. unserem Bewusstsein unbekannt erscheinende Informationen werden eher ausgesondert als solche, die in das bisherige Lebensumfeld zu passen scheinen. Wir informieren uns nicht, wir pr\u00fcfen die dargebotenen Informationen nicht, wir entscheiden gem\u00e4\u00df der Pr\u00e4gung unserer Filter, die meist gesellschaftlich bedingt sind.<\/p>\n<p>Fromm hierzu weiter: <em>\u201eDer zweite Aspekt des Filters, der das Bewu\u00dftwerden erm\u00f6glicht, ist die Logik, die das Denken der Menschen in einem Kulturkreis lenkt. Wie die meisten Menschen annehmen, da\u00df ihre Sprache \u201cnat\u00fcrlich\u201d sei und andere Sprachen nur andere W\u00f6rter f\u00fcr die gleichen Dinge verwenden, nehmen sie auch an, da\u00df die Regeln f\u00fcr das richtige Denken nat\u00fcrlich und allgemeing\u00fcltig seien und &lt;anderes&gt; in einem Kulturkreis unlogisch sei, weil es zur \u201cnat\u00fcrlichen\u201d Logik im Widerspruch stehe.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Je nach pers\u00f6nlicher Pr\u00e4gung treffen wir nun eine Entscheidung, denn auch dann, wenn wir vermeintlich keine Entscheidung treffen, treffen wir nat\u00fcrlich ebenso eine, n\u00e4mlich die, keine Entscheidung zu treffen.<\/p>\n<p>Wir treffen die Entscheidung, die uns die angenehmste Empfindung verschafft, eine vertraute Empfindung, kurzum: wir verbleiben in unserem vertrauten Handlungsspektrum\u2026<\/p>\n<p>Aber \u2013 hat uns denn nicht unsere bisherige Art zu handeln in die Hilfsbed\u00fcrftigkeit hineingef\u00fchrt?!<br \/>\nWodurch sind unsere Entscheidungskriterien gepr\u00e4gt? Doch durch unser bisheriges gewohntes pers\u00f6nliches privates und gesellschaftliches Leben.<\/p>\n<p>Noch einmal h\u00f6ren wir Erich Fromm weiter zu: <em>\u201eIn jeder Gesellschaft d\u00fcrfen gewisse Gedanken und Gef\u00fchle nicht gedacht, gef\u00fchlt und ausgedr\u00fcckt werden. Es gibt Dinge, die man nicht nur \u201cnicht tut\u201d, sondern die man nicht einmal \u201cdenkt\u201d. In einem Stamm von Kriegern beispielsweise, dessen Mitglieder davon leben, Mitglieder anderer St\u00e4mme zu t\u00f6ten und zu berauben, k\u00f6nnte es einen Einzelnen geben, der eine innere Abneigung gegen T\u00f6ten und Rauben f\u00fchlt. Es ist jedoch h\u00f6chst unwahrscheinlich, da\u00df er sich seines Gef\u00fchls bewu\u00dft w\u00fcrde, br\u00e4chte das die Gefahr mit sich, da\u00df er sich v\u00f6llig isoliert und ausgeschlossen f\u00fchlte. Deshalb w\u00fcrde ein Individuum, das eine solche Abneigung f\u00fchlt, wahrscheinlich ein psychosomatisches Symptom, etwa Erbrechen, entwickeln, anstatt das Gef\u00fchl der Abneigung in sein Bewu\u00dftsein dringen zu lassen.<\/em><\/p>\n<p><em>Genau das Gegenteil w\u00fcrde man bei einem Mitglied eines friedlichen, ackerbauenden Stammes finden, das den Drang versp\u00fcrte, Mitglieder anderer Gruppen zu t\u00f6ten und zu berauben. Es w\u00fcrde sich wahrscheinlich ebenfalls nicht gestatten, sich seiner Impulse bewu\u00dft zu werden, sondern w\u00fcrde statt dessen ein Symptom entwickeln \u2013 vielleicht heftige Angst.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Klingt also nahezu aussichtslos, dass wir, wenn wir uns einzig auf unsere Empfindungen verlassen, zu einer Entscheidung finden werden, die uns tats\u00e4chlich aus unserer als aussichtslos empfundenen Situation herauszuf\u00fchren imstande ist. Wir verweilen innerhalb der uns vertrauten Empfindungen, die zu einem nicht unwesentlichen Anteil von der uns direkt umgebenden sowie zus\u00e4tzlich auch von der durch die Medien sich darstellenden Gesellschaft gepr\u00e4gt wurden. Zu sehr f\u00fcrchten wir in archaischer Weise, von der Gesellschaft bestraft oder gar ausgesto\u00dfen zu werden und dann nicht mehr \u00fcberlebensf\u00e4hig zu sein.<\/p>\n<p>Neue Wege machen Angst, so viel Angst, dass die Buchstaben vor unseren Augen und die Worte in unseren Ohren verschwimmen, wir keinen klaren Gedanken fassen k\u00f6nnen geschweige denn unser Wissen auf dem uns existentiell bedrohenden Gebiet zu erweitern in der Lage w\u00e4ren. Hatte nicht schon der Lehrer als erster Repr\u00e4sentant der Gesellschaft in unserem Leben in der Schule gesagt, dass wir weder intelligent genug seien, um schwierige Sachverhalte zu verstehen, noch gar diese selbst zu erarbeiten?!<\/p>\n<p>Fromm ist auch hier heute so aktuell wie zu seiner Zeit: <em>\u201e\u2026in Wirklichkeit besteht der gr\u00f6\u00dfte Teil des bewu\u00dften Denkens der Menschen nur in Fiktion und T\u00e4uschung. Der Grund hierf\u00fcr ist nicht so sehr die Unf\u00e4higkeit der Menschen, die Wahrheit zu sehen, sondern die Funktion der Gesellschaft.<\/em><\/p>\n<p><em>W\u00e4hrend des gr\u00f6\u00dften Teils der Geschichte der Menschheit hat stets (mit Ausnahme einiger primitiver Gesellschaften) eine kleine Minderheit \u00fcber die Mehrheit ihrer Mitmenschen geherrscht und sie ausgebeutet. Um das zu erreichen, hat die Minderheit meistens Gewalt angewendet; aber Gewalt ist nicht genug. Auf die Dauer mu\u00dfte die Mehrheit ihre Ausbeutung freiwillig anerkennen \u2013 und das ist nur m\u00f6glich, wenn ihr Geist mit den verschiedensten L\u00fcgenm\u00e4rchen erf\u00fcllt wurde, die die Anerkennung der Herrschaft der Minderheit erkl\u00e4rten und rechtfertigten.<\/em><\/p>\n<p><em>Das ist jedoch nicht der einzige Grund daf\u00fcr, da\u00df das meiste von dem, was das Bewu\u00dftsein der Menschen \u00fcber sie selbst, \u00fcber andere, \u00fcber die Gesellschaft usw. enth\u00e4lt, erfunden ist. Im Lauf der historischen Entwicklung entsteht in jeder Gesellschaft zwangsl\u00e4ufig das Bed\u00fcrfnis, in der besonderen Form bestehen zu bleiben, zu der sie sich entwickelt hat, und das erreicht sie gew\u00f6hnlich, indem sie die h\u00f6heren Ziele der Menschheit, die alle Menschen gemeinsam haben, au\u00dfer acht l\u00e4\u00dft.<\/em><\/p>\n<p><em>Dieser Widerspruch zwischen dem sozialen und dem allgemeinen Ziel f\u00fchrt (auf sozialer Ebene) ebenfalls zur Erdichtung von allen m\u00f6glichen Fiktionen und Illusionen, die die Aufgabe haben, die Spaltung zwischen den Zielen der Menschheit und denen einer gegebenen Gesellschaft abzuleugnen und dies zu begr\u00fcnden\u2026\u201c<\/em><\/p>\n<p>Lohnt es sich f\u00fcr uns nicht doch, durch den Schleier des \u201eNicht-Verstehens\u201c hindurch zu treten, uns wirklich sachlich kundig zu machen, so lange Augen und Ohren weit aufzurei\u00dfen, bis wir eine Entscheidung zu treffen imstande sind, die sich an tats\u00e4chlichen Fakten, tats\u00e4chlichen Erfolgswahrscheinlichkeiten orientiert anstatt an Empfindungen im Nebel des Nicht-Wissens?! Glauben sollte man wahrlich niemandem, egal welchen Titel jemand f\u00fchrt oder wie sehr er von sich \u00fcberzeugt ist bzw. andere von sich zu \u00fcberzeugen sucht. Doch sich selbst zuzutrauen, die geplante Vorgehensweise eines Hilfeanbieters zu \u00fcberpr\u00fcfen, so lange nachzufragen, bis wir wirklich selbst verstehen, nach welcher Systematik dieser vorgehen m\u00f6chte, zu \u00fcberpr\u00fcfen, wie oft er bereits erfolgreich war mit dieser Taktik, alle Fragen die in uns entstehen auch zu stellen, es nicht zu akzeptieren, belogen zu werden \u2013 all dies ist durchf\u00fchrbar f\u00fcr einen jeden von uns.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcnsche uns allen Mut, die eigene Situation selbst in die Hand zu nehmen und sachliche Entscheidungen zu treffen. Stellen Sie sich doch einfach einmal selbst die Fragen, die Sie beantwortet haben m\u00f6chten. Stellen Sie sich diese Fragen immer wieder, stellen Sie sich selbst die Frage, wo man eine Antwort auf Ihre Fragen finden k\u00f6nnte, trauen Sie sich selbst zu, dass Sie bislang nicht Wahrgenommenes St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck doch wieder wahrnehmen k\u00f6nnen!<\/p>\n<p>Beginnen Sie jetzt! Wozu noch warten?!<\/p>\n<p>Herzliche Gr\u00fc\u00dfe<\/p>\n<p>Cornelia B\u00f6hmer<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf der Suche nach Hilfe in einer wie auch immer gearteten Situation, die wir dringend zu ver\u00e4ndern w\u00fcnschen, machen wir uns auf die Suche nach Helfern, nach einer Hilfe von au\u00dfen. 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